A

Aufreiten beim Hund: Ein Überblick

 

References

CANINE MOUNTING: AN OVERVIEW • Laurie Bergman

 

1. Role of prior experience in the effects of castration on sexual behavior of male dogs. Hart B. J Comp Physio Psych 66:719-725, 1968.

2. Effects of castration on problem behaviors in male dogs with reference to age and duration of behavior. Neilson JC, Eckstein RA, Hart BL. JAVMA 211:180-182, 1997.

 

Kunden ist es häufig peinlich, bestimmte hündische Verhaltensweisen, einschließlich des Aufreitens zu besprechen. Wenn das Thema auftaucht, was steckt dahinter?

 

Tierärzte müssen häufig bestimmte Punkte besprechen, die den Kunden peinlich sind, dazu gehören Ausscheidungsgewohnheiten und Aufreiten. Im Gegensatz zum Ausscheiden akzeptieren viele Hundebesitzer Aufreiten nicht als normal oder akzeptabel. Häufig nehmen Kunden an, dass Aufreiten sexueller Natur ist und verschwinden würde, wenn das Tier erst kastriert ist. Sie sind dann beunruhigt, wenn der Hund weiter aufreitet, besonders bei Kindern der Familie oder bei Besuchern.

 

Eine weitere Vermutung ist, dass Aufreiten eine Dominanzgeste ist. Aufreiten kann in einigen Fällen sexuell motiviert sein oder eine Dominanzbeziehung signalisieren. Ab eher, wie bei vielen anderen Verhaltensweisen, kann Aufreiten auf unterschiedlichen Motivationen beruhen, die nicht identifiziert werden können, ohne die Begleitumstände zu berücksichtigen. Ohne den Kontext eines Verhaltens zu kennen, ist es manchmal unmöglich, diesem Verhalten eine Motivation zuzuschreiben.

 

Gründe für das Aufreiten

 

Angst / Erregung

 

Angst und Erregung sind wahrscheinlich die Hauptgründe, aus denen Haustiere aufreiten, besonders wenn ein Hund bei Objekten oder Menschen aufreitet. Aufreiten ist eine Form von Übersprungverhalten, d.h. ein Verhalten, das als Folge eines inneren emotionalen Konfliktes außerhalb des Kontextes auftritt.

 

Manchmal reiten Hunde auf Objekten auf, wenn ein Ereignis sie aufgeregt hat (z.B. das Spielen mit einem neuen Spielzeug). In anderen Fällen reiten Hunde auf Menschen auf (z.B. Besuchern), weil sie unsicher sind, wie sie mit diesen interagieren sollen. Aufreiten kann als Ventil für den Abbau emotionaler Erregung des Hundes betrachtet werden, ausgelöst durch ein Ereignis oder einen Besucher.

 

Das Aufreiten kann auch eine aufmerksamkeitssuchende Komponente enthalten; Aufreiten kann das Ventil für die Erregung des Hundes sein, aber es lenkt auch sofort die Aufmerksamkeit auf den Hund und befriedigt dieses Bedürfnis ebenfalls.

 

Außerdem kann Aufreiten eine Angstreaktion auf Bestrafung sein. Beispielsweise kann ein Hund, der Stunden nach dem Ausräumen des Mülleimers vom Besitzer ausgeschimpft wird, Angst erleben. Weil das Ausräumen des Mülleimers kein unmittelbares Ereignis ist, ist der Ärger des Besitzers für den Hund unsinnig [nicht mehr nachvollziehbar]. Die Schelte löst Angst aus, die ein Ventil in Form des Aufreitens als Übersprunghandlung benötigt.

 

Sexuell

 

Aufreiten ist in manchen Fällen sexueller Natur, denn Rüde oder Hündin (sowohl intakt als auch kastriert) können ihr Sexualverhalten beibehalten. Auch wenn das männliche Sexualverhalten von Testosteron gesteuert wird, ist es nicht das Resultat des aktuellen Testosteronspiegels. Obwohl das Sexualverhalten kastrierter Hunde im Vergleich zu intakten Rüden abstumpft, beseitigt die Kastration weder die sexuelle Motivation noch das Auftreten des Verhaltens (1). Trotzdem ist Aufreitverhalten meist nicht einfach eine Reaktion auf sexuelle Erregung, auch wenn es durch Beckenbewegungen oder Erektion des Penis begleitet wird.

 

Dominanz

 

Heutzutage erleben Veterinäre ein Wiederaufleben der sogenannten Dominanztheorie des Hundeverhaltens, die davon ausgeht, dass alles, was ein Hund tut, mit dem Streben nach Dominanz verbunden ist. Besitzer denken vielleicht, ihr Hund sei dominant, weil er auf anderen Hunden, Besuchern oder Objekten aufreitet. Manchmal reitet ein Hund vielleicht auf einem anderen Hund auf, um seinen Status zu etablieren oder den anderen Hund an seinen Status zu erinnern. Aber das ist nicht unbedingt ein Problem, wenn der andere Hund nachgibt und das Aufreiten als normales Sozialverhalten zulässt.

 

Weil Aufreiten in so vielen unterschiedlichen Kontexten auftreten kann, ist es wichtig alle Situationen rund um das Aufreitverhalten und die übrigen Interaktionen zwischen den Individuen zu berücksichtigen, um zu beurteilen, ob das Aufreiten eine Dominanzgeste ist. Dominanz ist eine Beziehung zwischen zwei Individuen; im Gegensatz dazu, reflektiert - per Definition - das Aufreiten auf leblosen Objekten (z.B. Kissen, Decken, Stofftieren) niemals das Dominanzstreben eines Individuums.

 

Spiel

 

In der Welt eines Hundes ist Spiel mehr als nur „Spaß“, denn es fungiert als wichtiges soziales „Schmiermittel“. Individuen, die miteinander spielen, sind in der Lage zu kooperieren und kommen auch in anderen Situationen miteinander klar. Viele Verhaltensweisen, die im Spiel gezeigt werden, kommen auch in anderen Situationen vor. Beispielsweise enthält Spiel häufig die Jagdsequenzen Fixieren-Anpirschen-Verfolgen. Rollenwechsel ist ein normaler Bestandteil von Spiel und hilft Vertrauen zwischen den Individuen aufzubauen. Es ist nicht ungewöhnlich einen rangniedrigen Hund beim Aufreiten zu beobachten, was der andere Hund zulässt. Dieses Verhalten bedeutet nicht, dass der normalweise submissive Hund, die Dominanz des anderen Hundes herausfordert, sondern es kann auf eine gesunde Beziehung zwischen den beiden Hunden hinweisen.

 

Selbst-Beruhigung

 

Aufreiten kann auch als Verhalten zur Selbstberuhigung auftreten. In diesem Kontext reitet der Hund auf einem Objekt (Spielzeug, Kissen, Decke) auf, bevor er sich zum Schlafen hinlegt. Dieses Verhalten wird nicht jedes Mal vor dem Einschlafen auftreten, aber es ist ein Verhalten das mit dem Daumenlutschen vergleichbar ist.

 

Schlussbemerkungen

 

Aufreiten kann ein Hinweis auf Verhaltensprobleme oder von Unwohlsein sein (z.B. wenn bestimmte Situationen zu stressig oder zu aufregend sind). Verhaltensmodifikationen, die das Auftreten des Aufreitverhaltens in stressigen und aufregenden Situationen vermindern, können helfen, diese Aktivität zu begrenzen (abnehmende Häufigkeit und Dauer).

 

Wenn das Aufreitverhalten wiederholt vorkommt, kann es sich zu einem Zwangsverhalten entwickeln. Aus dem ursprünglichen Verhalten als Reaktion auf einen Reiz (z.B. die Ankunft von Besuchern), wird ein Verhalten, dass den ganzen Tag gezeigt wird und andere Verhaltensweisen ausschließt. Zusätzlich zu der eingeschränkten Lebensqualität, kann der Hund sekundäre körperliche Probleme entwickeln, die in Angriff genommen werden müssen, wie Dermatitis oder die Verschlimmerung bereits vorhandener Muskel-Skelett-Probleme.

 

Fünf Grund-Motivationen für Aufreitverhalten

 

1. Angst/Erregung

2. Sexuell

3. Dominanz

4. Spiel

5. Selbst-Beruhigung

 

Übersprungs-Verhalten: ein klassisches Beispiel

 

Ein Bilderbuchbeispiel für Übersprungverhalten ist ein Vogel, der Körner auf der anderen Seite einer Glasscheibe sieht, diese aber nicht erreichen kann. In seiner Frustration beginnt der Vogel, seine Federn zu putzen. Auch wenn der Vogel die Körner immer noch haben will, reagiert er mit Putzen und Federpflege darauf, dass ihm der Zugriff auf das Futter nicht möglich ist.

 

Was zu tun ist

 

Wie bei anderem Problemverhalten (d.h. normales Verhalten, dass die Lebensqualität nicht beeinträchtigt) und Verhaltensproblemen (d.h. Hinweise auf mentalen Stress) können Tierärzte, abhängig vom Hund und Halter, unterschiedliche Vorgehensweisen wählen.

 

- Wenn das Aufreiten neu auftritt, mögliche körperliche Gründe ausschließen (z.B. Erkrankungen der Harnwege, Dermatitis, hormonelle Veränderungen).

- Es kann ausreichen, wenn der Besitzer die Gründe versteht, warum sein Hund aufreitet, solange das Verhalten nur gelegentlich auftritt, selbst beschränkt, und nicht schädlich ist.

- Eine Vorgehensweise beinhaltet das Umlenken des Verhaltens auf ein angemesseneres Ziel (d.h. ein Objekt), statt einem Besucher oder einem anderer Hund. Umlenkung ist häufig die am wenigsten Stress auslösende Option.

- Vermeidung ist eine andere Herangehensweise: Wenn der Hund Situationen, die zu diesem Verhalten führen, nicht mehr ausgesetzt wird, wird das Verhalten nicht mehr auftreten. Dies ist eine gute Taktik, wenn Hunde, die nicht im gleichen Haushalt leben, das Aufreitverhalten zeigen (z.B. im Hundepark). Es ist die am wenigsten störende Lösung, die die menschliche Ordnung aufrechterhält und die Entwicklung zu aggressiverem Verhalten verhindert.

- Eine weitere Vorgehensweise ist es Häufigkeit und Dauer festzustellen und was dem Aufreiten vorausgeht; Situationen zu meiden, die zu Aufreiten führen, und Techniken zur Verhaltensmodifikation wie Desensibilisierung und Gegenkonditionierung einzusetzen, besonders, wenn das Aufreiten ein Ausdruck für Angst oder emotionale Konflikte ist.

- Obwohl, wie erwähnt, Kastration das Aufreiten nicht beseitigen wird, kann sie Aufreitverhalten bei 70% der Hunde um fast 50 % reduzieren, unabhängig vom Alter bei der Kastration (2). Bei ungefähr 25 % der Hunde gibt es eine große Wahrscheinlichkeit (90 %), dass das Markierverhalten nach der Kastration reduziert wird.

 

Dominanz und Aufreiten

 

Was kommt zuerst?

 

Es ist wichtig zu unterscheiden, ob Aufreiten der Versuch ist, Dominanz zu etablieren, oder ob die Hunde bereits eine stabile Beziehung haben. Das Aufreiten reflektiert kein Dominanz[streben], wenn der Hund auch auf leblosen Objekten aufreitet.

 

Petra Mensel     

D 95180 Berg

Zertifiziert nach §11 TierSchG

09293 2999859

0152 24295088

petra@dogness-oase.com

 ©2015 Petra Mensel                                                                                                                                                                                                                                                                                             Proudly created with Wix.com